Einheit 9: Kaum zu glauben! Bartimäus wird gesehen und sieht
Die neutestamentlichen Wundergeschichten und hier im Besonderen die Heilungsgeschichten erzählen von Begegnungen, Berührungen und auch Beziehungen. Menschen, die Jesus begegnen, erleben die Kraft Gottes, fühlen sich gesehen und können neue Hoffnung für ihr Leben schöpfen. Wundergeschichten sind Hoffnungsgeschichten. Geschichten von einer Hoffnung, die das Leben verändert. Eine Hoffnung, dass Gottes Nähe Grenzen aufhebt.[1]
Und so wird auch die Geschichte von Bartimäus (Mk 10,46-52) in dieser Einheit erzählt. Nicht die Frage nach der Heilung an sich und ihre wissenschaftliche Unerklärbarkeit stehen im Mittelpunkt der Einheit, sondern das Heil werden einer (Gottes-)Beziehung durch die Begegnung mit Jesus. Bartimäus setzt aktiv alles daran, dass er von Jesus gesehen und gehört wird. Gesehen zu werden ist ein menschliches Grundbedürfnis, übersehen oder sogar ausgegrenzt zu werden, ist auch oft schon eine leidvolle Erfahrung der Kinder. Dieser Schwerpunkt des „Gesehenwerdens“ in der Arbeit mit der Geschichte bahnt ein symbolisches Verstehen bei den Kindern an und hilft ihnen, Wundergeschichten jenseits von Zauberei einordnen zu können.
Schon die erste Übung der Einheit soll deutlich machen, dass es in dieser Geschichte nicht allein um die Beeinträchtigung von Bartimäus geht, sondern auch darum, wie Bartimäus durch das Verhalten seiner Mitmenschen behindert wird. Die Kinder sammeln Stichworte, die benennen, welche Faktoren zu Ausgrenzung führen können. Im weiteren Verlauf erleben die Kinder mittels eines Bodenbildes, in dem die Begriffe wieder vorkommen, die Kraft der Beziehung zwischen Jesus und Bartimäus. Im weiteren Verlauf wird das Wundergeschehen als ein Geschehen auf zwei Ebenen betrachtet- die Wunderheilung als ein Ereignis auf der Ebene des Unverfügbaren und die Heilung auf der Ebene des sozialen Geschehens durch die Wahrnehmung der Bedürfnisse eines anderen Menschen. Gerade die zweite Ebene knüpft unmittelbar an die Lebenswirklichkeit der Kinder an und eröffnet die Möglichkeit einer mehrdimensionalen Deutung.
[1] Naurath, Elisabeth; Wunder als Hoffnungsgeschichten; in: Grundschule Religion Nr.7; Wunder-Geschichten vom Körper und vom Heilwerden; Seelze-Velber 2004